Kunsthalle Gießen © Marcus Schmitz

Sie werden Ihre Arbeit lieben!

Arbeitswelt zwischen Burnout und zynischer Resignation

 

Pascal Chabot ist ein Experte der Arbeiten von Gilbert Simondon, renommierter französischer Technik-Philosoph, der schon Ende der 50er Jahre die Auswirkungen von Technik und Technologie auf das Individuum untersucht hat. Als Zeitgenosse von Michel Foucault übte Simondon großen Einfluss auf einen anderen bedeutenden französischen Philosophen - Gilles Deleuze - aus.

 

Pascal Chabot, dessen Arbeiten sich mit dem Platz des Individuums in der Welt der Hochtechnologie befasst, ist der Überzeugung, dass der einzige Maßstab, mit dem sich der Wert der Arbeit messen lässt, der ist, dem jeder Mensch ihr zugesteht. Dem „nützlichen Fortschritt“ der Arbeit stellt er einen „subtilen Fortschritt“ gegenüber, der stärker die menschliche Dimension und den ihr innewohnenden Rhythmus ins Zentrum seiner Überlegungen stellt.

 

Monsieur Chabot, warum ist es so wichtig, dass man seine Arbeit liebt?

Seine Arbeit nicht zu lieben, hieße, eine bedeutende Dimension des menschlichen Lebens abzulehnen und sich mit seiner eigenen Existenz nicht völlig anzufreunden. Auf eine Minimaldefinition reduziert, bedeutet Arbeit: sich mit Freude ermüden. Man sollte auch einen Blick auf die Wortherkunft „Arbeit“ werfen. Das althochdeutsche Wort „arabeit“ war noch ein Synonym von Begriffen wie „Mühsal, Not“. Verwandtschaft besteht zum slawischen Wort „rabota“ (= Knechtarbeit, Frondienst) und nicht zuletzt mit dem Wort „Roboter“. Auch in anderen Sprachen weist die Herkunft des Wortes „Arbeit“ ( z. B. franz. „travailler“ aus dem lateinischen „tripalium“ = Name eines Folterinstrumentes) auf eine wenig positive Vorstellung von dem, was Menschen früherer Zeitalter bei harter körperlicher Tätigkeit empfanden. Die Minimaldefinition, auf die ich mich beziehe, bezeichnet klarer den Zusammenhang zwischen Arbeit und Tat. Sich zu ermüden bedeutet zu handeln, sich mehr oder minder intensiv mit einer Tätigkeit zu befassen. Die Ermüdung ist dabei ganz ursächlich, denn jede intensive Betätigung führt dazu, dass der Mensch sich selbst und die ihn umgebende Welt spürt, sich an ihr abarbeitet und auch bestrebt ist, über sich hinauszuwachsen, sich selbst zu überwinden. In jedem anderen Fall würden wir nicht von Arbeit sprechen. Auch die Tatsache, dass wir für eine bestimmte Tätigkeit eine bestimmte Form von Entlohnung erhalten, ist dem Begriff der Arbeit implizit. Diese Entlohnung ist finanzieller Art, gleichwohl sie in erster Linie symbolisch und persönlich ist. Die Ermüdung wird durch Entlohnung kompensiert, ja sogar sublimiert – um diesen psychoanalytischen Begriff einmal zu verwenden –, dadurch dass wir eine Befriedigung erfahren, während wir arbeiten. Man beginnt seine Arbeit zu lieben, wenn sich auch eine Zufriedenheit dabei einstellt.

 

Hat diese Definition nicht so etwas wie einen blinden Fleck? Im Umkehrschluss hieße es ja, dass eine ehrenamtliche oder schlecht bezahlte Arbeit einzig dadurch aufgewertet würde und Wert besäße, wenn der Mensch aus ihr eine Befriedigung zöge?

Ich muss Ihnen Recht geben. Zugleich glaube ich aber, dass wir infolge der Krise der Arbeitswelt immer mehr das Bedürfnis verspüren, Arbeit als Tätigkeit neu zu bewerten, als die ganz persönliche Tat eines Individuums. Hanna Arendt (1906–1975) hat das sehr gut beschrieben. Darum gibt es auch eine ursprüngliche Asymmetrie, die jedem Arbeitsvertrag innewohnt, sei er formeller oder informeller Art, der den Austausch zwischen Zeit – die das Individuum gibt – und Geld – die es im Gegenzug erhält, regelt. Der Austausch ist deswegen asymmetrisch, da Geld rein quantitativer Art ist und in diesem Sinne in unbegrenztem Maße zur Verfügung steht. Wohingegen die Zeit, die ein Individuum investiert, stets von der Lebenszeit begrenzt wird und folglich qualitativer Art ist. Niemand sollte sich von diesem Missverhältnis täuschen lassen. Selbst bei einer Reduzierung der Arbeitszeit und damit des Verhältnisses beider Größen zueinander, handelt es sich um einen Gewaltakt für das Individuum, weil der tiefere Sinn des Tauschaktes verleugnet wird: Man opfert ein Stück seines Lebens, in gewisser Weise ein Teil seiner selbst. Das Bedürfnis nach Anerkennung für seinen Arbeitseinsatz – Gesprächsthema nicht nur in den Praxen von Arbeitspsychologen, sondern auch in unseren Personal- und HR-Abteilungen – ist der Ausdruck einer Erwartungshaltung nach „etwas“, was den Wert meiner Arbeit bezeugt, die mich als Mensch vereinnahmt.

 

Warum ziehen heute so wenige echte Befriedigung aus ihrer Arbeit?

Es gibt eine gesellschaftliche Entwicklung, die zu einer funktionalen Sichtweise des Menschen geführt hat. Sie betrachtet ihn als Unternehmer in eigener Sache, sozusagen eine Ich-AG, die sogar die eigene Gefühlswelt miteinschließt. Der damit verbundene Auftrag an sich selbst lautet: Sei du selbst, bringe dich sich ein, mobilisiere deine Reserven – und passe dich um Himmels willen an das vorgegebene Modell der Arbeitswelt an. Paradoxerweise gibt es aber auch eine gegenteilige Sichtweise, die propagiert, sich zurückzunehmen, nicht zu viel zu tun, obwohl in vielen Berufen die negative Sichtweise vorherrscht, das man als Arbeitnehmer nicht genug getan habe – und das obwohl die Person seine Arbeit liebt, sich mit dem Arbeitgeber, der Firma identifiziert. Das trifft übrigens auf viele handwerkliche Berufe bzw. auf rein körperliche Tätigkeiten zu.

 

Hannah Arendt hat in ihrer politischen Philosophie diese Art von Arbeit so definiert, dass sie die Tendenz habe, sich selbst zu entwerten, weil sie repetitiv sei, sich unablässig mit derselben Herausforderung beschäftige und auch wenig schöpferisch und kreativ sei. Ich bin gänzlich anderer Auffassung. Warum sollte die Arbeit eines Gärtners, eines Lkw-Fahrers, eines Tischlers oder Straßenfegers weniger sinnvoll und befriedigend sein, nur weil ihre Tätigkeiten viele gleichförmige Arbeitsschritte umfasst? Auf gewisse Art und Weise hat Arendt mit ihrer Sichtweise den Boden für die Robotisierung bereitet, den Arbeiter auf ein austauschbares Subjekt zu reduzieren.

 

Foto privat © Marcus Schmitz

Verändern Digitalisierung und Robotisierung unser Verhältnis zur Arbeit, also abgesehen von der Unsicherheit, die beides für den Erhalt von Arbeitsplätzen bedeutet?

Ich benutze für beide Entwicklungen den Begriff „ultraforce“ (= Superkraft, Supermacht), weil sie durch nichts Bekanntes in der Geschichte der menschlichen Zivilisation definiert werden. Naturwissenschaftlich-technisch, wirtschaftlich, politisch, symbolisch, psychisch … die Veränderungen, die durch die Digitalisierung verursacht werden, sind all dies zusammengefasst. Das entstehende Kräfteverhältnis lässt sich mit herkömmlichen Begriffen kaum beschreiben oder gar beherrschen.

 

Wie können wir verhindern, dass diese ultraforces ein Massensterben in der Arbeitswelt nach sich ziehen? Der Diskurs zur Robotisierung hat manche Argumente noch nicht ausreichend zu Ende gedacht – nämlich den Verlust von Qualifikationen, sei es schulisches, universitäres oder berufliches Wissen, oder von alten Handwerkstechniken, während rein intellektuelles Wissen überbewertet wird. Handarbeit wird zunehmend von Maschinen ausgeführt, während geistige Tätigkeiten noch beim Menschen verbleiben. Doch dieser Glaubenssatz wird durch die Digitalisierung immer stärker in Zweifel gezogen. Vor allen Dingen müssen selbst unsere Geistesarbeiter zugestehen, dass eine Idee immer nur eine Idee bleiben wird, solange sie sich nicht in der Praxis bewährt hat. Arbeit ist somit immer die Art und Weise, Dinge zu tun, und nicht bloß diese zu denken.

 

Was ist die Lösung, sich mit seiner Arbeit zu identifizieren, diese zu lieben? Macht es Sinn, sich krampfhaft an den Gedanken zu klammern, unersetzlich zu sein – oder eher andersherum, der eigenen Ersetzbarkeit bewusst zu sein und sich darum beruflich nicht mehr bis zum äußersten zu engagieren? Es wäre eine Alternative zum Burnout oder zur zynischen Resignation.

Als ich mich vor mehr als einem Jahrzehnt mit dem Werk von Gilbert Simondon, dem Vordenker des technologischen Fortschritts und dessen Auswirkungen auf das Individuum, stärker auseinander gesetzt hatte, kam mir während eines Gespräches zufällig der Begriff burnout zu Ohren. Das geistige Bild von „Feuer“ oder einer „Verbrennung“ hat mich sehr berührt. Der amerikanische Psychiater Freudenberger (1926­-1999) hatte ihn erstmals in den 1970er Jahren im Zusammenhang mit Rauschgiftsucht benutzt und damit einen Zustand beschrieben, in dem sich die Patienten aufgrund ihrer Sucht nach harten Drogen geradezu körperlich aufzehrten. Ich bin bei meinen Recherchen auf den theologischen Begriff der klösterlichen Acedia gestoßen, die gekennzeichnet ist durch eine Glaubensabkehr, eine Gefühlsverarmung verursacht durch lang anhaltende Einsamkeit und Isolationsfolter der als Einsiedler lebenden frühchristlichen Mönche. Der Burnout zeigt, welche Auswirkungen das Verlangen nach einer Maximierung aller Lebensbereiche auf das Individuum hat: zunehmende Beschleunigung des Lebens, zu hohe Ansprüche an sich selbst, zu viele Wünsche, zu viel Konsum, zu viel Perfektionismus, zu viel Profit, zu viel Wettbewerb, zu hoher Leistungsdruck. Es ist die Krankheit des „Zuviel“. Aber auch Ausdruck eines krankhaften Anpassungszwanges. Der Mensch kann sich sehr gut an sich ändernde Bedingungen anpassen, aber eine solche Anpassung beinhaltet keinen Wert an sich. Im Burnout werden wir daran erinnert, dieses falsche Entweder-Oder erst gar nicht anzunehmen – sich also weder für den technologischen und ökonomischen Fortschritt noch für die totale Verweigerung zu entscheiden. Vom nutzbringenden Fortschritt abgesehen, existiert zudem noch ein subtiler Fortschritt, eine Weiterentwicklung, die besser dem natürlichen Rhythmus des Lebens und der menschlichen Entwicklung seiner selbst entspricht. Das Wort subtil stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „sub tela“, etwas fein Gewebtes oder unter dem Gewebe Liegendes. Der subtile Fortschritt ist der eigentliche, das Grundgerüst unserer Existenz.

 

Um das Dilemma der falschen Alternative zwischen Burnout und Zynismus zu beseitigen, habe ich einen Weg gefunden, als ich mir Gedanken über das sogenannte Gemeinschaftseigentum (franz. Communs) machte. Im Kern geht es darum, die paternalistische Kultur hinter uns zu lassen, welche die Vorstellung, die wir von einem Unternehmen, einer Firma haben, grundlegend beeinflusst. Sie beruht auf den falschen Tatsachen, dass die Institutionen und Unternehmen unmittelbar denen gehören, die ihre Geschicke lenken. Doch selbst in einem kapitalistischen System sollte die Überzeugung vorherrschen, dass eine Firma – ob in öffentlicher oder privater Hand, gleich welcher Größe – im Gemeinschaftsbesitz verbleibt. Sich mit Freude zu ermüden würde mehr Zuspruch erfahren, wenn ich mir Anerkennung dadurch verschaffte, dass ich mich für die Gemeinschaft engagiere.

 

Welches Buch können Sie uns zur Lektüre empfehlen, um Ihren Gedanken weiterzuverfolgen?

„Die Ilias oder das Poem der Gewalt“ von Simone Weil, 1941 zur Zeit der Niederlage Frankreichs gegen Hitlerdeutschland verfasst. Die außergewöhnliche Radikalität des Textes besitzt die erstaunliche Fähigkeit, unsere Hochleistungsgegenwart zu erklären, die so sehr von der Männlichkeit der Macht fasziniert ist. Simone Weil beruft sich auf die Ilias von Homer, um über das Unmenschliche nachzudenken, das jedem Zwange innewohnt. Zwang macht jede Form von Gesellschaft unmöglich. Er macht aus jedem Menschen ein Ding – sowohl aus dem, der diesem Zwange dient, wie demjenigen, der sich ihm unterwirft. Um dem Zwang und der Gewalt zu widerstehen, muss man die Umstände ändern. Das beste Mittel gegen die Mechanismen der Macht – ob in einer Welt des Krieges oder einer, die beherrscht wird von Unterdrückung, Zwängen und kollektiver Verblendung, ist das Empfinden von Recht und Gerechtigkeit.

 

 

Übersetzung des Artikels „Vous allez prendre plaisir à travailler“ von © Catherine Portevin, Le Monde, 30.12.2017, Übersetzung: © Marcus Schmitz