Welcher Wahnsinn steckt verborgen in jedem von uns? © Marcus Schmitz

Vom Wahnsinn in heutigen Zeiten

 

Wahnsinn ist nicht nur die umgangssprachliche Bezeichnung für eine zumeist endogene psychische Erkrankung, die medikamentös behandel- und kontrollierbar geworden zu sein scheint. Der Wahnsinn, vor dem uns Heutigen das Grauen packen sollte, ist die Unberechenbarkeit der menschlichen Natur in zweierlei Hinsicht:

 

1. Auf der einen Seite die Unberechenbarkeit einzelner Individuen unserer Gesellschaft, die einen nach außen ganz und gar unscheinbaren, um nicht zu sagen durchschnittlichen Eindruck machen, in ihrem Inneren aber einem, trotz zweieinhalb Jahrhunderten Aufklärung, skurril verzerrten Weltbild frönen, in dessen Koordinatensystem sie sich von pathologisch überhöhten fremden Mächten um ihre Rechte und ihren Besitz gebracht zu werden fürchten.

2. Auf der anderen Seite die Unberechenbarkeit der menschlichen Gattung als Ganze – und das in einer Zeit zunehmender Erfassung, Überwachung und Kontrolle jedweder menschlicher Eigenschaften durch Wissenschaft und Geheimdienste.

 

Welcher „Wahn-Sinn“ im Weltbild scheinbar normaler Menschen durchschimmert, kann man gelegentlich in praxi erfahren. Ein sowohl vom äußeren Erscheinungsbild als auch vom Grade der Intelligenz her gesehen völlig durchschnittlicher Mensch brachte bei einer Begegnung Folgendes zur Sprache:

 

In Deutschland herrscht Anarchie. Das Gesetz liegt am Boden. Recht und Ordnung existieren nicht mehr. Die Polizei interessiert sich nicht für die Lage im Lande, greift nicht ein und sagt ansonsten, dass sie entweder keine Zeit habe oder dass es nicht in ihre Zuständigkeit falle. Ausländer kommen aus allen Weltwinkeln nach Deutschland, um auf Kosten aller brav arbeitenden Bürger zu nassauern. Erst einmal im Land machen sie sich überall breit, wollen Geld kassieren, ohne zu arbeiten, haben keine Manieren und putzen außerdem keine Treppenhäuser. Auf der Straße pöbeln sie die Bürger an, in der Bahn stehen sie nicht auf und stellen sich in Schlangen niemals hinten an. Was unserem Land fehlt, ist ein Hitler, der diesen Leuten eins mit dem Knüppel drüber schlägt. Unter Hitler hätte es das, was im Augenblick passiert, nie gegeben. Die Ausländer gehören eingesperrt, wo man ihnen das Arbeiten einbläuen soll. Auch die Juden haben an ihrem Elend selbst Schuld. Hitler hat gewusst, warum er die Juden rausschmeißen wollte. Er wollte, dass die Juden arbeiten gehen. Die Juden sind keine guten Arbeiter. Sie können mit Geld umgehen, haben aber ansonsten zwei linke Hände. Und weil sie nicht arbeiten wollten, hat Hitler sie ins Konzentrationslager gesteckt, um sie zur Arbeit zu zwingen. Wenn sie doch nur ordentlich arbeiten gegangen wären ...

 

Bedarf es eines schlagenderen Beweises, zu zeigen, welch Abgründe sich in solchen Menschen auftun, die äußerlich betrachtet fleißig arbeitende und regelmäßig ihre Steuern zahlende Bürger sind, innerlich aber einem grotesken Weltbild erlegen sind? Unberechenbarer Wahnsinn ist das Kennzeichen dieser Zeitgenossen, die – mit mehr Intelligenz, mehr Durchsetzungswillen und weniger Skrupel ausgestattet – die Menschheitsgeschichte um ein weiteres dunkles Kapitel bereichern könnten.

 

Die andere Form von Wahnsinn, die unsere heutige Gesellschaft auszeichnet, ist die Unberechenbarkeit der menschlichen Spezies. In der Röhre vom Kernspintomographen umkreist und dreidimensional dargestellt, chemisch und enzymatisch sequenziert und auf die Informationen im Erbgut reduziert, von der Marktforschung in tiefenpsychologischen Sitzungen aller bewusster Kontrollmechanismen entkleidet und durch eine mediale Allmacht von der Wiege bis zur Bahre beeinflusst, gibt es kaum noch einen Winkel unseres Körpers, der sich der Aufmerksamkeit eifrigster Forscher entzöge. Doch trotz fleißigster Forschung, das Menschsein zu ergründen, ist es bis heute nicht gelungen, den Wahnsinn dessen, zu dem der Mensch fähig ist, vollends auszuloten. Wer hätte den 11. September für möglich gehalten? Wer kommt auf die Idee, sich mit einer Bombe um den Bauch inmitten einer Menschenmenge in die Luft zu sprengen oder Giftgas zur Stoßzeit in U-Bahnsysteme zu leiten? Wer kann auch nur erahnen, welches menschengemachte Unglück demnächst über uns hereinbrechen wird? Es erstaunt nicht die Tatsache, dass diese Frage heute genauso schwer zu beantworten ist wie zu irgendeinem anderen Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte. Was erstaunt, ist, dass trotz all der informationstechnischen, medizinischen, psychologischen und soziologischen Möglichkeiten der Mensch nach wie vor unberechenbar ist. Zwar hat es vermutlich schon vor den Anschlägen von New York Szenarien gegeben, in denen eine Vielzahl von Apokalypsen durchgespielt wurde. Aber es ist keine Kunst zu wissen, dass etwas passieren, sondern wann wo etwas geschehen wird. Der Wahnsinn, so scheint es, ist immer und überall. Unvorbereitet. Unberechenbar. Unbeherrschbar.

 

Mehr denn je, so könnte man folgern, befinden wir uns in einer Zeit der Unwägbarkeiten. Und wir rational denkenden, postmodernen Menschen fühlen uns ebenso hilflos wie unsere Vorfahren vor Jahrtausenden. Wir leben nicht nur an der Schwelle zu einem „Neuen Mittelalter“, wie Alain Minc, ein französischer Soziologe, es vor Jahren prophezeite. Wir stehen eher am Rande einer neuen Steinzeit, in der Leben und Überleben vom Zufall diktiert werden, weil unsichtbare und zerstörerische Kräfte Einfluss auf das Leben jedes einzelnen nehmen, ohne dass wir auch nur das Geringste zu unternehmen vermögen, das Unvermeidliche von uns abzuwenden.

 

© 2002